Professor Dr. med.  Gerd-Rüdiger Burmester

Professor Dr. med. Gerd-Rüdiger Burmester
Präsident der European League Against Rheumatism, EULAR

Frühbehandlung ist das A und O bei Rheuma

Für alle Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises gilt, dass die Behandlung im Frühstadium deutlich wirksamer ist als bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf. Das konnte u. a. mit Hilfe der großen Studie „HIT HARD“ am Beispiel der rheumatoiden Arthritis gezeigt werden. Hierbei profitierten die Patienten sowohl vom frühen Einsatz von Methotrexat als Goldstandard als auch des gegen TNF gerichteten Biologikums Adalimumab (Detert et al. 2012). Dabei geht man vom sog. „Fenster der Möglichkeiten“ aus. Deshalb ist die Früherkennung von hoher Wichtigkeit. Zu diesem Zweck wurden an den Universitätskliniken, aber auch in einigen rheumatologischen Praxen sogenannte Früharthritis-Sprechstunden eingerichtet. Eine solche Sprechstunde gibt es z. B. seit 2004 am Campus Mitte der Klinik für Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité. Bundesweit konnte durch solche Maßnahmen erreicht werden, dass gemäß den Daten der „Kerndokumentation“ des Deutschen Rheumaforschungszentrums (DRFZ) die Zeit zwischen erstem Auftreten von Beschwerden und Diagnosestellung mit Therapieeinleitung von durchschnittlich zwei Jahren (1994) auf ein Jahr (2012) reduziert wurde (Zink 2014).

Die Frühdiagnostik konnte u. a. durch neue Methoden der Bildgebung verbessert werden. So hat sich die ultraschallgestützte Bildgebung der Gelenke etabliert, die eine im Vergleich zur Röntgenbildgebung detailliertere und frühere Darstellung von entzündlichen Gelenkveränderungen und Gelenkzerstörungen ermöglicht. Auch mithilfe des sog. Rheumascans können nach Injektion eines Fluoreszenzfarbstoffs mit einem Fluoreszenzkamerasystem entzündliche Gelenkveränderungen im Frühstadium entdeckt werden. In einer aktuellen Studie konnte gezeigt werden, dass Sensitivität und Spezifität von dieses Verfahrens vergleichbar mit dem Ultraschall und der Magnetresonanztomographie (MRT) sind. (Krohn et al. 2015)

Auch in der Labordiagnostik konnten sich neue Untersuchungen etablieren. Für die frühzeitige Erkennung einer Nierenbeteiligung beim systemischen Lupus erythematodes kann möglicherweise die Untersuchung von Entzündungszellen im Urin hilfreich sein. (Kopetsche et al. 2015) Für die Diagnosestellung einer rheumatoiden Arthritis haben sich neben den Rheumafaktoren die sogenannten ACPA (anti-citrullinierte Peptid-Antikörper) bewährt. Durch den Nachweis bestimmter Unterformen dieser Antikörper ist es möglich, bereits vor Behandlungsbeginn vorherzusagen, wie gut ein Patient auf die Behandlung mit bestimmten Medikamenten, in diesem Fall Rituximab, anspricht. (Lindenberg et al., im Druck)

Zu den Neuerungen in der Therapie rheumatischer Erkrankungen gehört Tocilizumab, ein Medikament für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis, das zur Gruppe der Biologika gehört, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie gezielt bestimmte an der Entzündungsreaktion beteiligte Botenstoffe im Blut neutralisieren. Ursprünglich konnte dieses Medikament nur als intravenöse Infusion verabreicht werden. Eine neue Studie hat nun gezeigt, dass die unkompliziertere subkutane Spritze ebenso effektiv und sicher ist und dass auch der Wechsel zwischen beiden Darreichungsformen möglich ist. (Burmester et al. 2015) In einer weiteren Studie zu diesem Medikament konnte gezeigt werden, dass ca. die Hälfte der Patienten bereits nach wenigen Wochen sehr gut auf die Behandlung mit Tocilizumab ansprach. Aber auch unter denjenigen Patienten, die zunächst nur mäßig ansprachen, gab es eine große Anzahl, die im weiteren Verlauf doch noch auf die Behandlung ansprach. (Dörner et al. 2015)

Für die Behandlung des systemischen Lupus erythematodes (SLE) wird derzeit das Medikament Bortezomib erforscht, dass eigentlich für die Behandlung bestimmter Formen von bösartigen Veränderungen im lymphatischen System entwickelt wurde. Es gibt Hinweise darauf, dass es die für den SLE mitverantwortlichen Plasmazellen reduzieren kann. (Alexander et al. 2015) Aktuell wird an der Charité eine weitere Studie für Patienten mit dieser Erkrankung durchgeführt. Dabei geht es um die niedrigdosierte Verabreichung eines bestimmten körpereigenen Botenstoffes, der in der Lage ist, die regulatorischen T-Zellen zu aktivieren, Immunzellen, die den Körper davor schützen sich selbst anzugreifen. Erste Ergebnisse haben gezeigt, dass es unter dieser Behandlung zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden kommen kann. (Humrich et al. 2015)

Zu den häufigsten Gelenkerkrankungen gehört auch die Arthrose. Die medikamentösen Therapiemöglichkeiten sind begrenzt, allerdings gibt es erste Hinweise, dass Hydroxychloroquin, ein Medikament, das bereits zur Behandlung verschiedener rheumatischer Erkrankungen eingesetzt wird, bei Patienten mit zerstörerischer entzündlicher Fingerpolyarthrose helfen kann. In der großen deutschlandweiten Studie „OA TREAT“, für die aktuell noch Teilnehmer gesucht werden, soll dies genau untersucht werden. (Detert et al. 2015)

Allgemein hat sich in der Rheumatologie das Konzept „treat to target“ (deutsch: zielgerichtete Behandlung) durchgesetzt. Das Ziel ist dabei die Remission, also die weitgehende Beschwerdefreiheit. Dabei sollte die Behandlung so lange angepasst werden, z. B. durch höhere Dosis, häufigere Gabe oder Umstellung auf ein anderes Medikament, bis das Therapieziel Remission erreicht ist. Auch durch dieses Konzept konnte eine deutliche Verbesserung der Versorgung rheumakranker Menschen erreicht werden.

zurück zur Übersicht Experten