Professor Dr. rer. nat.  Andreas Radbruch

Professor Dr. rer. nat. Andreas Radbruch
Professor für Experimentelle Rheumatologie an der Charité-Universitätsmedizin, Berlin, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums, DRFZ, einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft

»Unser Ziel ist eine therapiefreie Remission«

Wann wird Rheuma heilbar werden? Welche Forschungsansätze sind besonders vielversprechend und welche Rolle spielen deutsche Forscher dabei? Das verrät Prof. Andreas Radbruch in einem Interview, das Chefredakteurin Julia Bidder für die Zeitschrift mobil der Deutschen Rheuma-Liga führte.

Prof. Radbruch, können wir tatsächlich auf eine Heilung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen hoffen?

Eine Heilung besteht aus zwei Schritten: Zunächst einmal muss die Entzündung gestoppt werden. Der zweite Schritt ist die Regeneration des bereits geschädigten Gewebes. Dies wird noch ein längerer Weg sein. Generell spielt dabei die Früherkennung eine wichtige Rolle: Je früher wir die Entzündung aufhalten können, desto besser lässt sich das Fortschreiten von Gewebeschäden aufhalten.

Das Beenden des Entzündungsgeschehens und das Erreichen einer sogenannten therapiefreien Remission ist heute im Prinzip schon möglich: Dazu benötigt man einen „Immunreset“, bei dem ähnlich wie bei Leukämiekranken das Immunsystem komplett gelöscht und neu aufgebaut wird. (Wir werden diese Methode in mobil 4/2014 ausführlich vorstellen.) Allerdings gibt es dabei Risiken, sodass sich diese Therapie nur für Einzelfälle eignet. Richtungsweisend für unsere Forschung ist aber die grundlegende Erkenntnis, die wir aus dieser Therapie gewinnen: Ein Stoppen der Entzündung ist möglich! Dies hilft uns bei der Entwicklung neuer und nebenwirkungsärmerer Therapien.

Wo liegen denn die größten Herausforderungen bei der Suche nach Wegen, die Entzündung zu stoppen?

Wir müssen herausfinden, wie wir die Entzündung stoppen können, ohne dabei das Immunsystem völlig ausschalten zu müssen Wir wollen die Schutzfunktion der körpereigenen Abwehr erhalten. Unsere Herausforderung ist es, eine Therapie zu entwickeln, die genauso effektiv ist, aber nicht diese drastischen Nebenwirkungen hat. Darüber hinaus forschen Wissenschaftler daran, mit sogenannten Biomarkern oder Biosignaturen den Krankheitsverlauf vorherzusehen. So könnte es gelingen, vor einer Therapie vorherzusagen, auf welches Medikament ein Patient am besten ansprechen wird. Das Stichwort lautet „maßgeschneiderte Therapie“.

Gibt es noch weitere, vielversprechende Ansätze?

Entzündung bedeutet immer, dass Informationen zwischen Zellen und innerhalb von Zellen weitergeleitet werden müssen. Die Forschung hat damit begonnen, gezielt die Kommunikation zwischen denjenigen Zellen zu stören, welche diese Prozesse vorantreiben. Jetzt versucht man, auch die Signalweiterleitung innerhalb der Zellen zu unterbinden: Eine Zelle reagiert nicht mehr auf Entzündungs-Botenstoffe. Statt mit „Immunsuppressiva“ großflächig das Immunsystem zu dämpfen, suchen wir am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum (DRFZ) neue Wege, selektiv nur die Zellen auszuschalten, welche die Entzündung vorantreiben. Unser Ziel ist eine therapiefreie Remission.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt, den wir auch am DRFZ verfolgen, ist der Versuch, die sogenannte physiologische Regulation wieder in Gang zu setzen. Gemeint sind dabei die Mechanismen, die beispielsweise bei einer Infektion dafür sorgen, dass das Immunsystem irgendwann wieder zur Ruhe kommt. Offenbar versagen diese Prozesse bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Wir kennen die Zellen und Botenstoffe, die diese Regulation bei einer gesunden Immunreaktion übernehmen. Nun wird daran gearbeitet, wie man diese als Therapeutika benutzen kann, um die körpereigene Regulation von Immunreaktionen wieder instand zu setzen.

Was sind die nächsten großen Schritte?

Das hängt ganz von der jeweiligen Erkrankung ab: Bei systemischem Lupus erythematodes spielen Antikörper eine große Rolle. Der nächste Schritt wird hier sein, die Zellen auszuschalten, die diese Antikörper bilden. Bei der rheumatoiden Arthritis und anderen Krankheiten wird man entsprechende Therapien erst ausprobieren müssen, um zu erfahren, ob sie wirken oder nicht.

Wie lange wird es dauern, bis Patienten von solchen Forschungsergebnissen profitieren?

Die Patienten profitieren auf mehrere Arten von der Forschung. Ein Beispiel dafür sind Biosimilars: Diese Nachahmer- Präparate sind kostengünstiger als die Biologika-Originale Zudem geht die Pharmaforschung in die Breite und sucht nach weiteren verschiedenen Molekülen, die die Zellen lähmen. Dazu zählen Biologika ebenso wie neue sogenannte Kinasehemmer. Diese Suche kann unter Umständen recht schnell erfolgreich sein, weil ähnliche Substanzen bereits bekannt sind und die Pharmaindustrie zudem viel Geld hineinsteckt.

Anders sieht es für Forschungsansätze aus der Grundlagenforschung aus: Sie müssen sich zunächst im Experiment bewähren. Es dauert folglich länger, bis sie den Patienten erreichen. Wenn man ein Medikament von 0 auf 100 durch alle Zulassungsebenen bringen muss, dann kann das schnell zehn Jahre und länger dauern. Forschungsinstitute benötigen dazu zudem Partner aus der Klinik. Wenn wir allerdings ein für eine bestimmte Krankheit bereits zugelassenes Medikament auf seine Wirkung und Nebenwirkung bei rheumatischen Erkrankungen überprüfen und sich zeigt, dass dieses bei Rheuma gut wirkt, geht es auch schon mal sehr schnell.

Wie sieht so eine enge Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschung und Klinik aus?

Ein konkretes aktuelles Beispiel dafür ist die Gedächtnis-Plasmazelle: Forscher an unserem Institut haben sie an der Maus entdeckt und herausgefunden, dass diese Zellen rheumatische Erkrankungen übertragen können. Als nächsten Schritt versuchen wir verschiedene biologische Methoden, wie wir bei Mäusen diese krank machenden Zellen gezielt ausschalten können. Gelingt es bei Mäusen, können wir prüfen, ob es beim Menschen genauso funktioniert. Für derartige Therapieentwicklungen haben wir hier am DRFZ drei Beispiele, die wir in mobil demnächst vorstellen.

Wie erfolgt der Schritt von der Maus zum Menschen?

Wir können nicht alles im Tiermodell untersuchen, denn Mäuse und Menschen sind doch sehr verschieden: So leben Nagetiere viel kürzer als Menschen. Viele Prozesse einer lang dauernden chronischen Entzündung können wir nur an menschlichen Zellen verstehen.

An dieser Stelle können und müssen Patienten an der Forschung aktiv mitwirken: Das bedeutet, dass Patienten ihr Einverständnis geben, zum Beispiel nach entsprechender Aufklärung Gewebe zur Verfügung zu stellen. Wir benötigen für unsere Forschung relativ viel Material von Patienten, damit wir die krank machenden Zellen identifizieren können. Gewebeproben von Patienten, die eine Remission erreicht haben, sind für uns besonders wertvoll: Wir können sehen, welche Effekte die angewendete Therapie hat. Aber natürlich geht man nicht gerne zum Arzt, wenn man sich gesund fühlt, und lässt sich schon gar nicht gern eine Gewebeprobe entnehmen.

Wie gut steht Deutschland bei der Rheumaforschung im internationalen Vergleich da?

Einige Nachbarländer sind deutlich besser aufgestellt: In Ländern wie Großbritannien, Schweden und den Niederlanden etwa wird die Forschung durch private Stiftungen entscheidend unterstützt. Dort ist die Rheumaforschung im internationalen Vergleich besser sichtbar. Zudem gibt es relativ wenige spezialisierte Forschergruppen in Deutschland: Von 36 Universitätskliniken beschäftigt sich nur ein kleiner Teil mit Rheuma! Auch bei den außeruniversitären Forschungsinstituten, zum Beispiel bei der Max-Planck-Gesellschaft oder den Helmholtzzentren, befasst sich kein einziges Institut mit der Volkskrankheit Rheuma. Die Leibniz-Gemeinschaft umfasst 89 selbstständige Forschungseinrichtungen. Das DRFZ ist darunter das einzige Institut für Rheumaforschung.

Brauchen deutsche Forscher mehr Geld?

Der Ruf nach dem Steuerzahler hilft meist nur dann, wenn Rheumastiftungen dies professionell übernehmen. Unser Schwesterinstitut, das Kennedy-Institute in Oxford, wird beispielsweise zu zwei Dritteln über die „Arthritis Research Campaign“ finanziert. Dies sind Spendenaufrufe, die hauptsächlich Gelder aus Nachlässen einwerben. Dort kommen über 40 Millionen Euro jährlich zusammen – und damit Summen, Summen, die wir bei Weitem nicht zur Verfügung haben.

Vor einigen Jahren haben die Deutsche Rheuma-Liga und die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie die Rheumastiftung gegründet. Dies macht Hoffnung, dass Spendenaufrufe für die Rheumaforschung in Deutschland nun erfolgreicher sein können und es mit diesem Gebiet aufwärts geht.

(Die Fragen stellte mobil-Chefredakteurin Julia Bidder.)

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